Weiter geht die wilde Fahrt!

Was man tut, wenn eine Freundin gesteht, noch nie die Nordsee gesehen zu haben? Richtig: Man packt seine sieben Sachen inklusive Zelt und Schlafsack auf‘s Fahrrad und fährt hin.

Die Idee, Ende März zu campen, war zugegebenermaßen sehr gewagt. Besonders, wenn man bedenkt, dass wir weder unsere Route genau geplant hatten noch einen Campingkocher im Gepäck hatten, und auf die Wettervorhersage an der Küste nicht unbedingt Verlass ist.

Nachdem meine liebe Freundin Maike am Donnerstag Abend aus Bayreuth angekommen war und ich meine letzten Sachen in die Satteltaschen gepackt hatte, ging es am nächsten Morgen los. Im Gepäck: ein Zelt, zwei Schlafsäcke, zwei Isomatten und vier Fahrradtaschen inklusive Freiraum für Proviant. Das alles ließ sich wunderbar auf unseren zwei Gepäckträgern verstauen, sodass wir bei angenehmen Temperaturen Richtung Hopsten losradeln konnten. Unser grober Plan sah so aus, dass wir zuerst durch‘s Emsland an die Ems fahren und von da aus dem Emsradweg bis kurz vor Emden folgen. Dann wollten wir querfeldein immer der Nase nach bis zum Fährableger in Norddeich strampeln, um von da aus die Fähre nach Norderney zu nehmen.

Let's gooooo!
Let’s gooooo!

Zuerst führte unser Weg durch Felder und Wiesen, vorbei an Bauernhöfen und kleinen Siedlungen. In der Luft lag der Geruch von Frühling: Magnolien und Kirschbäume blühten am Wegesrand, und die ersten Rapsfelder begannen schon fröhlich gelb zu blühen. Wir waren uns einig, dass es unglaublich gut tut, mal ein bisschen rauszukommen, und dass diese Frühlingsgefühle wunderbar zu unserer Freiheit passte, die wir in den nächsten Tagen genießen würden. Unsere gute Laune konnte nicht einmal von dem teilweise doch sehr übertönenden Geruch der Landwirtschaft getrübt werden.

Eisenbahnhäuschen mit Hexenbesen
Müsliriegelpause an einem alten Eisenbahnhäuschen

Nach einigen Trink-, Pipi- und Müsliriegelpausen waren wir in Lingen angekommen und die Zeit reif für ein Mittagessen. Schnell war alles eingekauft, und ausgerüstet mit Wraps und allerlei Füllmaterial fanden wir ein gemütliches Plätzchen am Dortmund-Ems-Kanal. Wir genossen unser Mahl und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen (zum Glück hatten wir an Sonnencreme gedacht!). Schon bald bekamen wir Gesellschaft von Christian, der in Lingen in einer Wohngruppe wohnt und sehr gerne von sich erzählt, wie er selbst sagt. Eigentlich wollten seine Freunde auch noch kommen, um ein paar Würstchen zu grillen, aber zumindest solange wir da waren ließen die auf sich warten.

Gut gesättigt verabschiedeten wir uns von Christian, der uns noch eine schöne Zeit wünschte, und sattelten wieder auf, um die letzten Kilometer nach Meppen zu fahren. Unser Plan war, hinter der Stadt im Grünen unser erstes Lager aufzuschlagen, und wir waren beide schon gespannt, wo wir am Ende des Tages landen würden. Auf Campingplätze wollten wir wenn möglich verzichten, bis wir auf der Insel angekommen waren.

Auf der letzten Strecke dieses Tages trafen wir gefühlt mehr Menschen als auf der ganzen Reise: Diesen ersten warmen Tag (unsere Jacken hatten wir beide nicht mehr an) nutzten viele Lingener, um am Kanal Fahrrad zu fahren, Spazieren zu gehen oder die Oma oder Kinder durch die Gegend zu schieben. Wir wurden auffällig oft überholt, und auffällig oft von Senioren. Zuerst wunderten wir uns noch und fühlten uns irgendwie untrainiert, bis uns klar wurde, dass die Herrschaften alle mit Motor fuhren und nicht annähernd so viel Gepäck dabei hatten wie wir. Außerdem hatten die mit Sicherheit noch keine 40 km hinter sich…

In Meppen mussten wir uns zuerst einmal darum kümmern, dass wir am nächsten Morgen nicht ohne Frühstück dastehen. Nach dem Einkauf machten wir uns auf die Suche nach einem See, den Christian uns empfohlen hatte. Als wir den gefunden hatten, konnten wir verstehen, warum dies sein Lieblingsort war: Durch einen kleinen Mischwald kam man an den Sandstrand, der einen Teil des Ufers säumte. Hier und da hingen Äste ins Wasser, und weiter hinten sah man Enten auf dem Wasser schwimmen.
Leider hatten wir keine Zeit länger zu bleiben, da die Sonne schon recht tief stand und wir unser Zelt nicht im Dunkeln aufbauen wollten. Am Strand war so wie auf dem gesamten Gelände des Sees Campingverbot, also suchten wir auf der Karte nach grünen Flächen, an denen wir gute Plätze vermuteten.

Der erste Wald, in den wir fuhren, wirkte gar nicht so ungemütlich, allerdings hatten wir wegen der vielen Wege und der Siedlung, die ganz in der Nähe lag, Bedenken, dass wir bis zu unserem Aufbruch am nächsten Morgen ungestört bleiben würden. Also fuhren wir weiter, bis wir einen kleinen Fluss erreichten. Dem folgten wir auf gut Glück, und fanden eine Raststelle mit Tisch und Bänken. Na, das wäre ja purer Luxus, dann müssten wir nicht einmal auf dem Boden essen, dachten wir uns. Nach ein paar Schritten ins Unterholz fanden wir tatsächlich den perfekten Platz für unser Zelt: Ebener Boden, umringt von Bäumen, weiches Laub als Untergrund. Wir waren heilfroh, dann doch so schnell noch etwas gefunden zu haben, und die aufkommende Anspannung fiel sofort wieder von uns ab.

 

 

Nach einem Abendessen im Kerzenschein (Gemütlichkeit darf nicht zu kurz kommen!) packten wir uns in unsere Schlafsäcke ein und hofften auf eine ruhige Nacht. Dank meines tiefen Schlafes hatte ich die auch, und erfuhr erst am nächsten Morgen von den  angetrunkenen Jugendlichen, die kurz nach Mitternacht aufkreuzten und Maikes Schlaf störten. Da wäre mir auch etwas unbehaglich geworden. Dazu kam, dass die Temperaturen noch nicht allzu sommerlich waren. Das machte es auch nicht leichter, sich am nächsten morgen aus seinem Schlafsack zu schälen…

Geschafft haben wir es trotzdem, und waren um halb neun wieder auf dem Rad. Noch etwas verfroren und dick eingepackt ging es zuerst zum Bahnhof, um unsere Wasserflaschen aufzufüllen und von den sonstigen Vorteilen einer Toilette zu profitieren. Das Problem mit dem Trinkwasser ließ sich im Allgemeinen ganz gut lösen: Noch besser als Bahnhöfe, an denen die Toiletten in aller Regel kosten, sind Friedhöfe. Hier gibt es eigentlich immer einen Wasserhahn, und weil wir hier in Deutschland sind kommt sogar Trinkwasser raus 🙂

Am zweiten Tag wollten wir bis nach Leer kommen, damit wir am Sonntag noch die letzte Fähre nach Norderney erwischen konnten. Wir haben aber auch von Anfang an gesagt, dass wir nicht auf Teufel komm raus unseren Plan einhalten müssen, schließlich hatten wir beide nicht trainiert und sind es nicht gewohnt, mehr als die Viertelstunde zur Uni an einem Stück zu fahren. Weil wir nichts im Voraus gebucht hatten, konnten wir tun und lassen was wir wollten.

Bei unserer ersten Müsliriegelpause trafen wir einen älteren Herren, der auf der gleichen Bank seinen Proviant auspackte. „Na, ihr seid aber mit großem Gepäck unterwegs! Wo soll es hingehen? Ach Norderney, da habe ich auch eine Zeit lang gewohnt. So richtig mit wild campen?“ Wir waren uns erst etwas unsicher, was er davon halten würde, wenn wir jetzt zugeben würden, dass wir abends einfach irgendwo unser Zelt aufschlagen, aber wie so oft zeigte sich, dass viele Leute sehr viel toleranter sind als man zuerst glaubt. „Ja, so gehört sich das! Finde ich richtig gut, dass die jungen Leute so was heute noch machen!“ Von ihm haben wir noch ein paar Tipps bezüglich schöner Orte auf unserer Route bekommen, und als wir unsere Müsliriegel und er seine Schokolade aufhatte, wünschten wir uns alles Gute und er verabschiedete sich mit dem Spruch, den wir von da an als unser Motto betrachteten: „Also dann… Weiter geht die wilde Fahrt!“

Was vielleicht noch erwähnenswert ist von diesem zweiten Tag, ist der Waldfriedhof, der auf unserer Route lag. Wir hatten beide schon von dieser alternativen Bestattungsmöglichkeit gehört, aber noch nie wirklich gesehen. Ich finde den Gedanken an sich schön, dass man seine Asche später einfach unter einem Baum begraben lässt und nicht unter einer Steinplatte. Das passt so schön zu der Metapher vom Kreislauf des Lebens: Das Tote wird im Baum wieder zu Lebendigem 🙂 Andererseits ist so ein kleines Schildchen an einem Baum nicht so persönlich wie ein Grab mit Stein und Blumen. Hier war keine Art von Grabschmuck erlaubt, um das Natürliche des Ortes zu wahren.

Als die Beine vom ständigen Gegenwind langsam müde wurden, fragten wir uns, ob wir es an diesem Tag wirklich bis nach Leer durchziehen wollten. Spätestens nachdem uns die Radwegbeschilderung dann auf einem kilometerlangen Umweg nach Papenburg führte (scheinbar, um die Hauptstraße zu umgehen), entschlossen wir uns, sobald wir aus der Stadt raus waren und Proviant für den Sonntag eingekauft hatten, nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten.

Fündig wurden wir schon kurz darauf an einer Stelle, an der auf der Karte eine Hütte eingezeichnet war. Hier wurde festlich auf dem Deich gespeist, mit Blick auf die Sonne, die sich über der Ems bis zum nächsten Tag verabschiedete.

Dadurch, dass wir unser Zelt auf der Wasserseite des Deiches aufschlugen (die Überflutungsgefahr war verschwindend gering), waren wir für nächtliche Wanderer in dieser Nacht unsichtbar und konnten beruhigt einschlafen.

 

 

Am dritten Tag hatten wir die ersten zehn Kilometer schon hinter uns, als wir unser Frühstück auspackten. An einem lauschigen Plätzchen im Wald haben wir unser Müsli gelöffelt, bis es wieder hieß: Weiter geht die wilde Fahrt! An diesem Sonntag wurde es wirklich wild: Mittlerweile waren wir in Ostfriesland angekommen, und hatten dementsprechend mehr Wind gegen uns als ich es in meinem halben Jahr in Bayreuth je erlebt habe.

Irgendwann wurde unser Weg, der größtenteils auf geraden Strecken zwischen Feldern und Wiesen verlief, von einer geschlossen Bahnschranke unterbrochen. Also hielten wir an, dankbar für den Anlass zu einer kurzen Trinkpause. Nach einer Weile wurden wir aber doch stutzig, weil es immer noch kein Anzeichen dafür gab, dass in näherer Zukunft ein Zug vorbeikommen würde. Da fiel uns ein kleiner Kasten auf, der aussah wie eine Gegensprechanlage, darüber ein verwittertes Schild mir der Anweisung, dass die Schranke erst nach Aufforderung geöffnet würde. Jetzt merkte man wirklich, dass wir auf dem platten Land angekommen waren. Wir drückten den Knopf, und tatsächlich: „Ja?“ kam es aus dem Apparat. „Ääähm… Ja. Wir würden gerne rüber.“  „Alles klar, einen Moment!“ Damit hatte sich die Sache: Wie von Zauberhand öffnete sich die Schranke. Was für ein auslastender Job, dachte ich mir. Wir fragten uns, wie oft er täglich wohl die Schranke öffnet?

Durch die Verzögerung vom Samstag fanden wir es sinnvoller, lieber die Fähre am Montag Morgen zu nehmen, als Sonntag Abend noch bis zum Anleger und über die halbe Insel zu radeln. Nach gut achtzig Kilometern waren wir in Norden angekommen, wo wir bei einem Wassersportverein übernachten konnten.

Diese Nacht überraschte mit unerwartetem Luxus: Wir hatten den Verein eine halbe Stunde vor unserer Ankunft angerufen und gefragt, ob der Eintrag als Campingplatz auf Google Maps richtig ist, und ob es noch Platz für unser rotes Zelt gäbe. „Ja, das ist wohl richtig. Ihr könnt gerne kommen.“, war die Antwort. „Wenn keiner da ist könnt ihr einfach nebenan klingeln, ich wohne direkt im Bootshaus.“

Frohen Mutes war bald wieder aufgesattelt und wir machten uns auf den Weg, jetzt mit festem Ziel vor Augen. Die wilde Fahrt zeigte uns auf unseren letzten Kilometern den Norden noch einmal in seiner ganzen schlichten Schönheit, mit Treckern und Backsteinhäusern, Möwen und Boßelgruppen-Warnschildern.

Trotzdem waren wir froh, als wir abends bei dem Wassersportverein ankamen. Die gute Stube, zu der die Tür offen stand, vermittelte ein großes Gefühl von Gemütlichkeit. Man fühlte sich etwas wie in der Zeit zurückgversetzt: An den Wänden hingen schwarz-weiß-Fotografien von Rudermannschaften, und in den Vitrinen waren eine Menge Auszeichnungen und Pokale ausgestellt. Die Frau, die uns begrüßte, war sehr freundlich und bestimmt schon an die achtzig Jahre alt. „Ein Zelt und zwei Personen, richtig? Also, das Zelt könnt ihr auf der Wiese aufstellen, entweder hier hinterm Haus, oder da hinten… Oder wir hätten auch ein Jugendzimmer mit Feldbetten, das ist gerade frei.“  Ich habe Maike angeguckt, Maike hat mich angeguckt, und da war die Sache eigentlich schon klar.

Als wären vier Wände und eine heiße Dusche noch nicht genug Luxus, gingen wir zur Feier des Tages noch in der nahegelegenen Pizzeria essen. Sehr müde und sehr glücklich fielen wir an diesem Abend auf unsere Betten und schliefen wie Babys bis zum nächsten Morgen.

 

 

Bis zum Fähranleger war es nicht mehr weit, und die Überfahrt zur Insel war weitgehend unspektakulär. Was wir etwas unterschätzt hatten war der Weg zum Campingplatz, der in der Mitte der Insel lag. Eigentlich hatten wir beide schon ein Gefühl vom „Angekommen-Sein“, sodass sich der Weg (natürlich gegen den Wind) trotz der wunderschönen Dünenlandschaft etwas zog.

Unser Inselaufenthalt war nicht vollgepackt mit Unternehmungen: Außer einer Vogelkunde-Führung stand nichts auf unserem Plan. Während diesen knapp zwei Stunden Vogelbeobachtung traf ich viele alte Bekannte aus Dangast wieder: Graugänse, Säbelschnäbler, und natürlich jede Menge Möwen (deren Unterscheidung mir immer noch schwer fällt). Außerdem waren meine geliebten Austernfischer zahlreich vertreten, und sogar einen Löffler haben wir gesehen.

 

 

Der Tag der Rückfahrt brachte noch eine letzte große Aufregung: Wegen Maikes mittlerweile fest gebuchten Rückfahrt nach Bayreuth mussten wir auf jeden Fall die Fähre um 8:40 nehmen. Vorher das Zelt abbauen, den Campingplatz bezahlen und Frühstück und Proviant einkaufen. Das alles hatten wir in unsere Zeitkalkulation mit einbezogen. Einzig die Tatsache, dass die Rezeption erst ab acht Uhr besetzt war, hatten wir nicht beachtet. Also machten wir aus, das Maike schon einmal vorfährt, einkauft, und zur Not den Kapitän besticht um noch ein paar Minuten auf mich zu warten. Ich blieb am Platz und wartete darauf, dass es acht wurde. Als dann endlich alles geregelt war, hatte ich noch gut zwanzig Minuten um zum Fähranleger zu sprinten. Zwischendurch hatte ich durch die Dünen einen Blick auf den Hafen und konnte die Fähre sehen, allerdings schien es als wäre die schon ein Stück vom Ufer entfernt…

Völlig abgehetzt kam ich schließlich am Hafen an und sah Maike vom Schiff freudig zu mir herunterwinken. Als ich in meiner Aufregung mit meinem Rad über die Autorampe hochfahren wollte, lachte der Frisia-Seemann: „Langsam, langsam! Bitte absteigen und die Fußgängerrampe nehmen!“

Im Endeffekt waren es noch fast fünf Minuten bis zur Abfahrt, aber was soll‘s, besser so als andersherum. Somit konnten wir unsere wilde Fahrt mit einem leckeren Frühstück auf der Fähre ausklingen lassen.

Frühstück auf der Fähre
Ein letztes gemeinsames Frühstück

 

Immer wieder muss ich feststellen, wie oft man Glück hat, und wie oft eine kritische Sache doch gut geht. Wie wahrscheinlich ist es, Ende März fünf Tage zu campen und kein einziges Mal nass zu werden? Sich kein einziges Mal mehr als hundert Meter zu verfahren, und nicht einmal ein Loch im Reifen flicken zu müssen?

Diese Reise war ein wunderbarer Anfang meiner ersten Semesterferien und bleibt mir mit Sicherheit noch lange in guter Erinnerung.

Letztendlich bleibt mir noch eine Danksagung zu schreiben: Zuerst einmal danke ich Maike! Ich bin froh, mit dir eine Freundin zu haben, die so eine wahnsinnige Idee wirklich durchzieht und genauso begeistert dabei ist wie ich. Ein riesiges Dankeschön geht auch an meine wunderbaren Tanten Hiltrud und Martina, die mich mit Zelt, Fahrradhelm, Satteltaschen und Radhosen versorgt haben, und bei der (wenn auch eher spartanischen) Routenplanung geholfen haben. Als nächstes danke ich Papa, der mir freundlicherweise sein Fahrrad zur Verfügung gestellt hat, und nicht zuletzt all den netten Menschen, denen wir auf unserem Weg begegnet sind.

 

Buchrezension zu „Fortschritt – Zeit zum Nachdenken“

Nach langer Pause melde ich mich zurück! Und zwar mit einem Anliegen, bei dem es eigentlich gar nicht um mich geht: Ein Freund von mir hat ein Buch geschrieben, für das ich gerne etwas Werbung machen möchte. Zwar bin ich damit eigentlich recht spät dran, schließlich liegt die Veröffentlichung schon einige Monate zurück…  Aber besser spät als nie. Hier also endlich meine Rezension zu dem wunderbaren Buch „Fortschritt – Zeit zum Nachdenken“ von Gabriel Napiontek.

Fortschritt – Zeit zum Nachdenken. Ein besonderes Buch, das ich auf jeden Fall empfehlen kann!

Kurz zum Inhalt: Der Autor schreibt über seine persönliche Sicht auf allgemeine Dinge, die uns alle betreffen, wie zum Beispiel die menschliche Psyche, unsere Gesellschaft und Glück.

Es ist nicht leicht, dieses Buch in ein Genre einzuordnen. Teilweise autobiographisch erzählt der Verfasser aus seiner Schulzeit, an anderen Stellen geht es um philosophische Themen. Man könnte sagen, der Leser bekommt ein Abbild vom Inneren des Autors, sinnvoll aufgegliedert in verschiedene Bereiche.

Folglich sind die meisten Passagen sehr subjektiv geschrieben. Es geht also nicht darum, ein bestimmtes Thema möglichst reflektiert aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, sondern darum, dass eine bestimmte, persönliche Haltung deutlich wird. Damit geht natürlich ein Teil der Sachlichkeit verloren. Allerdings passt diese subjektive Schreibweise meiner Meinung nach sehr gut zum ganzen Aufbau des Buches: Schon der Untertitel „Zeit zum Nachdenken“ zeigt, worum es geht. Der Autor gibt Denkanstöße, die zum Weiterdenken und Diskutieren einladen. Im besten Fall führt dieses Buch dazu, dass man als Leser alltäglich erscheinende Dinge hinterfragt und aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

Wenn man anfängt dieses Buch zu lesen, bekommt man gleich in der Einleitung die Info, dass „Freestyle“ geschrieben wird: vieles ist unüblich, teilweise fast wie ein Tagebuch formuliert (z.B: Kapitel Glück: Es ist gerade zwanzig nach neun). Das fand ich zuerst gewöhnungsbedürftig, aber je weiter man liest, desto mehr merkt man, wie gut dieser Stil zum gesamten Buch passt. Man erkennt, dass die Worte wirklich von innen kommen, und nicht tausendmal überarbeitet wurden, damit sprachlich auch ja alles perfekt wirkt. Es macht einfach Spaß dieses Buch zu lesen, weil es kein bisschen trocken ist und offensichtlich wird, dass die behandelten Themen den Autor wirklich bewegen.

Spannend ist auch, wie sich der Schreibstil im Verlauf des Buches verändert. Soweit ich weiß, wurde das Buch mehr oder weniger von vorne bis hinten chronologisch geschrieben. Die ersten Kapitel wirken noch etwas unstrukturiert, wenn auch inhaltlich keinesfalls uninteressanter als die späteren. In den letzten Kapiteln merkt man, dass die Texte sinnvoller aufgebaut sind und sich flüssiger lesen lassen.

Wie die Rezension wahrscheinlich schon zeigt, ist es auf jeden Fall lohnenswert, „Fortschritt – Zeit zum Nachdenken“ zu lesen. Besonders jungen Menschen empfehle ich dieses Buch. Diesen Satz habe ich schon in vielen Rezensionen geschrieben, aber hier meine ich es wirklich ernst: Der Autor ist selbst erst Anfang zwanzig, und versteht es wunderbar, seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen in diesem Buch neue Denkanstöße finden. Und wenn einem diese Gedanken nicht neu sind, tut es auf jeden Fall auch unglaublich gut zu sehen, dass es noch andere Menschen gibt, die so denken wie man selbst.

Das Buch gibt es als Taschenbuch und Kindle Edition auf Amazon.

Dangast

Ja, ich lebe noch! In der Zeit im Nationalpark in Dangast bin ich über das Schreiben völlig hinweggekommen. Na, besser spät als nie, hier also ein paar Worte über die Zeit von April bis Juni.

Vorweg: Es war ein wunderbares Leben, das ich drei Monate lang in dem sympathischen Örtchen Dangast geführt habe. Ich hatte hier mein erstes eigenes zu Hause auf einem Campingplatz, in einem alten Bauwagen mit Blick auf das Meer. Morgens wurde ich von schnatternden Wildgänsen geweckt, die im April im Wattenmeer nach ihrem Flug aus dem Süden hier Zwischenstopp machen um sich die Bäuche mit leckerem Andelgras vollzuschlagen. Man glaubt wahrscheinlich nicht, dass das etwas Schönes ist (Gänse stehen für gewöhnlich früher auf als ich), aber als auch der letzte Schwarm weiter gen Norden gezogen war habe ich sie doch vermisst. Auch hatte ich nie gedacht, dass ich mal Spaß daran haben würde, mit Fernglas am Ufer zu sitzen und Vögel zu beobachten. Aber wenn man ein bisschen Ahnung von den verschiedenen Arten hat, entwickelt sich doch ein gewisses Interesse. Dafür war der Standort vom Bauwagen wirklich perfekt – genauso wie für Sonnenuntergänge über dem gegenüberliegendem Ufer oder kurze Spaziergänge durch die Salzwiesen. Gerade in der ersten Zeit, als die Saison gerade begonnen hatte, konnte ich die Umgebung komplett für mich alleine genießen – kaum Touristen, keine schreienden Kinder, und alle Klos und Duschen nur für mich 🙂

 

So gesehen waren die ersten Wochen wirklich sehr schön, wenn auch mitunter recht kalt. Der Bauwagen war nicht gut isoliert: die Tür hing etwas schief in den Angeln, und auch die Fenster waren nur bedingt wind- und wasserdicht. Das Einschlafen war nie ein Problem, ich hatte einen Heizlüfter und genügend Decken. Nur Morgens fiel das Aufstehen schwer: Über Nacht habe ich den Heizer nicht laufen lassen, und da kostete es schon Überwindung die Decke zurückzuschlagen.

Dieses Problem löste sich jedoch mit der Zeit in Luft auf, beziehungsweise drehte sich ins Gegenteil um, als die Temperaturen im Juni geradezu hochsommerlich wurden. Man kann sich vorstellen, wie sehr sich der hübsche Blechwagen den Tag über aufheizen konnte. Aber das ist alles Jammern auf hohem Niveau, solche Dinge habe ich gerne in Kauf genommen. Es war so praktisch, auf nur 8 m² zu leben: Man verliert seine Sachen nicht so schnell, hat kaum was sauberzuhalten, keine langen Wege, und wenn man mal Abwechslung braucht stellt man seinen Stuhl halt nach draußen. Um den üblichen Fragen zuvorzukommen: Ich hatte weder WLAN noch Langeweile. In meiner Freizeit gab‘s genug zu tun, so abgeschieden von allem kommt man endlich mal richtig zum Lesen. H. D. Thoreaus „Walden“ passte mindestens so perfekt zu meiner Zeit in Dangast wie „Das Foucaultsche Pendel“ zu Paris. Von dem Mann, der im Zeitalter der Industrialisierung eineinhalb Jahre in einer selbstgebauten Hütte im Wald gelebt hat können wir alle noch viel lernen, auch wenn man natürlich nicht all seinen Gedanken und Ansichten zustimmen muss. Außer den Büchern hatte ich noch zahlreiche andere Dinge zum Zeitvertreib: Jonglieren, Finnisch lernen (Ja, die Sprache hat es mir angetan), Musik hören, kochen, oder einfach nichts tun!

Das hört sich jetzt alles sehr nach drei Monate Urlaub an, und teilweise war es auch so. Ein bisschen habe ich dafür aber doch gearbeitet: Als Praktikantin im Nationalparkhaus habe ich Wattführungen geleitet, Kinder-Erlebnisnachmittage vorbereitet und Schulklassen über den Lebensraum Wattenmeer aufgeklärt. Außerdem hatten wir eine kleine Ausstellung mit Shop, der betreut werden musste. Hinter dem Haus war ein großer Garten, in dem wir das „Projekt Blühstreifen“ gestartet hatten. Nach einigen Schwierigkeiten wegen sehr begrenztem Budget haben wir letztendlich zum Spaten gegriffen und von Hand wunderschöne Blühinseln angelegt. Das alles hat mir sehr viel Spaß gemacht, besonders als die Saison dann richtig losging. Anfangs hatten wir gerade bei den öffentlichen Führungen das Problem, dass keiner der ohnehin wenigen Urlauber Lust hatte, bei Regen und kaltem Wind auf Muschelsuche zu gehen und im Watt nach Seeringelwürmern zu wühlen. Das Wetter hatte generell großen Einfluss auf unsere Arbeit: An den heißen Tagen im Juni sind wir teilweise mit halbem Sonnenstich von den Führungen gekommen – Im Watt findet sich so selten Schatten.

Der Höhepunkt meiner Zeit hier war wahrscheinlich die Wattwanderung zum Arngaster Leuchtturm, die ich zusammen mit Lea, der anderen Praktikantin, und Mara, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr in Dangast macht, in Angriff genommen habe. Insgesamt fünf Stunden dauerte die Tour, auf der wir immer wieder Halt gemacht haben um vom Wattführer mehr über die Entstehung und Entwicklung der Küstenlinie, die verschiedenen Pflanzen oder die Nutzung der Salzwiesen zu erfahren. Arngast war ein kleines Inseldorf mitten im Jadebusen, das vor ungefähr hundert Jahren überflutet wurde. Heute markiert nur noch der Leuchtturm seine ehemalige Lage. Auf der Wanderung hierhin lassen sich allerdings noch einige Überbleibsel finden: Immer wieder kommt man an großen Steinen vorbei, und auch Baumstümpfe heben sich hier und da aus dem Watt hervor. Diese Wanderung, die wirklich kein Spaziergang ist (mitunter sinkt man wirklich knietief im Schlick ein), haben wir mit einem weiteren „must-do“ verbunden: Die Fahrt auf der Etta von Dangast. Dieses schnuckelige Böötchen hat uns am Leuchtturm eingesammelt und uns wieder sicher zurück an Land gebracht.

Was noch erwähnenswert ist, sind die Mittwochabende, an denen ich die Big Band des Vareler Gymnasiums tatkräftig am Tenorsax unterstützt habe. Ich wollte unbedingt wieder mit anderen Leuten spielen, und zufällig passten die Proben ganz gut in meinen Zeitplan. So sieht man auch mal andere Leute als die vier Kollegen und kommt ein bisschen raus. 🙂

Was ich von der Arbeit hier mitnehme? Auf jeden Fall einen Haufen guter Erfahrungen. Vor allem macht es mir jetzt nur noch wenig aus, vor großen Gruppen zu sprechen. Außerdem ist man viel sensibler geworden, was Umwelt- und Klimaschutz angeht. Besonders Plastikmüll war ein sehr großes Thema, das wir verschiedenen Schulklassen nähergebracht haben. Da sieht man Bilder von den Müllstrudeln im Pazifik, die mittlerweile eine Größe von Mitteleuropa haben. Oder man hört von dem Frachter, der die Hilfe des Havariekommandos nicht annimmt als er in Seenot gerät, und damit eine Ölkatastrophe direkt vor den Ostfriesischen Inseln riskiert, aus dem Grund, dass die Versicherung nur zahlt wenn das Schiff ganz auf Grund läuft. In solchen Momenten muss man aufpassen, dass man nicht den Mut verliert und sich fragt, warum man selbst auf Nachhaltigkeit achtet, während große Konzerne (die wirklich viel bewirken könnten!) sich so verhalten. Man fühlt sich schon etwas hilflos. Andersherum erkennt man so auch die Dringlichkeit dieser Probleme, und wird sich vielleicht der Verantwortung bewusst, die jeder (!) von uns trägt.

Es war auf jeden Fall spannend, drei Monate im Nationalpark zu arbeiten, und gleichzeitig „mittendrin“ zu leben.

 

Dieser Beitrag wird den drei Monaten zwar nicht gerecht, aber ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht jetzt einen 10-seitigen Bericht zu schreiben. Außerdem geht es ja auch schon bald spannend weiter – ich ziehe um! Und zwar nicht nach Berlin, wie eigentlich geplant (der Studiengang hört sich doch nicht so sympathisch an), sondern nach Bayreuth. Dieses beschauliche Städtchen im Norden Bayerns hat eine recht junge Uni, an der man Geoökologie studieren kann. Hierbei beschäftigt man sich mit allen Naturwissenschaften, die sich irgendwie auf die Umwelt beziehen, also Geologie, Ökologie, Metereologie, Physik, Chemie und vieles mehr. Ein WG-Zimmer habe ich schon, und zwar in einem alten Pfarrhaus mit großem Garten. Was das alles wohl gibt… Es bleibt spannend, und ich freu mich drauf!

Paris, je t’aime

Schon in Italien hatte ich angefangen, das Foucaltsche Pendel von Umberto Eco zu lesen. Mir ist aufgefallen, dass dieser Roman perfekt zu meiner Reise passt: Italienischer Autor, Protagonisten aus Mailand (Da war ich zwar nicht, aber Italien ist’s trotzdem), und mit Paris als einem der Schlüsselorte. Ich muss sagen, dass dieses Buch meinen Besuch in der französischen Hauptstadt mehr geprägt hat als irgendetwas sonst, selbst wenn ich keinen Tempelritter, Rosenkreutzer oder auch nur einen Diaboliker getroffen habe. Dafür bewege ich mich wohl zum Glück noch in den falschen Kreisen…
Fest stand allerdings von Anfang an, dass ich in das Musée des Arts et Métiers muss, in dem das dem Roman namensgebende Pendel zu bewundern ist, mit dem die Erdrotation bewiesen wird.
Am Freitagmorgen zog ich also wie gewohnt von meinem Couchsurfing-host los, mit Wanderschuhen einmal quer durch die Stadt zum Museum. Trotz eher ungemütlichem Wetter zu Fuß, ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Die unterschiedlichen Stadtviertel sieht man von der Metro aus nicht, die ganzen hübschen Gassen, Parks und Friedhöfe (Die hier in Frankreich übrigens echt hübsch sind). Außerdem ist die Benutzung der Fußwege sogar in den touristischsten Städten kostenlos. Rodolphe, der Pariser, der mich freundlicherweise für zwei Nächte auf seiner Couch schlafen lassen hat, hat mir mehrere Dinge empfohlen, die ich in Paris sehen sollte. Zwei von denen, der Parc de Luxembourg und der kleinen Friedhof direkt vor seiner Haustür, lagen mehr oder weniger auf meiner Route zum Pendel, genauso wie das hübsche Quartier Latin (wo es sehr gute Crêpes gibt) und Notre Dame auf ihrer Insel in der Seine. Als ich am Museum ankam, habe ich festgestellt, dass mein Timing perfekt war: In eben diesem Moment spürte ich den ersten Tropfen im Gesicht. Also schnell ins Trockene!

Öffentliche Museen in Frankreich sind für jugendliche Europäer unter 27 Jahren grundsätzlich kostenlos. Finde ich super, Kultur wird bei uns viel zu wenig gefördert. Das Musée des Arts et Métiers befindet sich zum Teil in einer alten Kirche in romanisch bis gotischem Baustil.. Ich mag diesen Gegensatz, hier Objekte über die Geschichte der Flug- und Automobiltechnik auszustellen, und auch für das Pendel bietet das Kirchengebäude mit seinen hohen Gewölben einen hervorragenden Platz. Zum Glück hat mittlerweile auch die katholische Kirche eingesehen, dass es nicht die Erde ist, die der feststehenden Punkt ist, um den sich das Universum dreht 😉

Als es aufgehört hatte zu regnen, führte mich mein Weg weiter zum Louvre. Es war schon spät am Nachmittag, sodass ich mich gegen einen Besuch der Gallerie entschied. Wenn ich schon in ein Museum wie das Louvre gehe, möchte ich nicht mit der Zeit im Nacken durch die Räume hetzen. Also bewunderte ich die hübsche gläserne Pyramide nur von außen. Sehr zu empfehlen ist auch der Jardin des Tuileries mit seinen Blumen und Statuen, den breiten Wegen und großen Springbrunnen. Von hier aus sah ich auch endlich den Eiffelturm! Damit hatte ich alles gesehen was ich mir vorgenommen hatte (und noch mehr). Vom „Place de Concorde“ nahm ich die Metro nach Hause, und hatte noch einen sehr entspannten Abend bei Rodolphe.

 

Der nächste Morgen weckte mich mit strahlendem Sonnenschein, sodass ich meinen Plan, die Pariser Kanalisation zu besichtigen, wieder über den Haufen warf. Stattdessen machte ich da weiter, wo ich am Tag zuvor aufgehört hatte: Ich nahm die Metro zum „Place de Concorde“, von wo aus ich an der Seine entlang zum Eiffelturm lief. Zwischendurch gab es ein sonniges Päuschen auf auf einer Parkbank: Die perfekte Gelegenheit, den Käse und das Baguette zu genießen, das ich zusammen mit einigen eingelegten Oliven auf einem Wochenmarkt gekauft hatte.
Der Eiffelturm selbst war als einer der Touristenmagnete der Stadt auch ganz nett, aber kein Highlight. Mit ein bisschen Aufwand kann man bestimmt die Distanz zwischen dieser Stahlantenne und dem eigenen Standpunkt anhand der Anzahl der gesprochenen französischen Wörter in seiner Umgebung berechnen: Je mehr das Französisch zu Japanisch, Chinesisch, Deutsch und Englisch wird, desto näher ist man seinem Ziel. Nach ein paar obligatorischen Fotos bin ich weitergegangen, den Arc de Triomphe wollte ich auch noch sehen. Das Wetter war immer noch wunderbar, blauer Himmel und relativ warm, und die Stadt dementsprechend rammelvoll.
Am Triumphbogen fragte ich mich, was alle an diesem Ding finden. Ist ganz hübsch, ja, aber meiner Meinung nach gibt es hübschere Kreisel.
Um das Touristenprogramm dieses Tages perfekt zu machen, besuchte ich als letztes Sacre Coeur, die weiße Kirche, die auf einem kleinen Berg über der Stadt liegt und eine wunderbare Aussicht bietet. Auch hier musste man sich seinen Platz an der Reling regelrecht erkämpfen. Trotzdem ein schöner Teil der Stadt, die kleinen Gassen, die den Berg heraufführen und die ganzen Künstler, die hier ihre Arbeiten verkaufen, machen schon was her.

Mein zweiter Host, Yassine, hatte sein Sofa am nördlichen Ende der Stadt stehen. Das schöne an Couchsurfing ist, dass man in Stadtteile kommt, die man als normaler Tourist mit Sicherheit nicht sehen würde: Als ich am Bahnhof ausstieg, waren bestimmt 90% der Menschen dunkelhäutig, und ich der einzige Backpacker. Die freundliche Familie, die den ganzen Weg über neben mir in der Bahn gestanden hatte, half mir bei meinen üblichen Schwierigkeiten, das richtige Haus zu finden, und ich war stolz darauf, dass meine paar Fetzen Französisch, die aus der Schule hängen geblieben waren, für ein ganzes Alltagsgespräch ausreichten. Obwohl Yassine so weit außerhalb wohnte, konnte man den Eiffelturm sehen, wenn man sich ein bisschen aus dem Fenster lehnte.

 

Am nächsten Tag wollte ich dann doch ins Kanalisationsmuseum. Wieder zu Fuß erkundete ich den Teil der Stadt, in dem es sich günstig leben lässt. Ich gab mir Mühe, mehr wie ein Student auszusehen, der das alles hier kennt, als wie ein Tourist, der von den vielen kleinen afrikanischen Geschäften fasziniert ist. Ich fühlte mich nicht unwohl, aber ich glaube doch, dass man sicherer ist, wenn man nicht den Anschein eines dummen Touristen macht. Auf einem kleinen Markt, auf dem es Spezialitäten aus der ganzen Welt zu kaufen gab, deckte ich mich mit Proviant ein. Es gibt nichts Schlimmeres als einen leeren Fressrucksack!

Das unterirdische Musée des Égouts ist eher unbekannt. Ich habe davon – ihr ahnt es – im Foucaultschen Pendel erfahren, wo es am Rande erwähnt wird. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Dadurch, dass man auf Gittern über den Abwassern läuft, riecht es zwar nicht wie in einem Museum über französische Parfumerien, allerdings wird die ganze Ausstellung um einiges autenthischer, wenn man in einen Seitenkanal guckt und zwei Ratten davonlaufen sieht.

Wieder am Tageslicht (die Sonne schien wie am Tag zuvor) habe ich mir den Cimetière du Père Lachaise angeschaut, auf dem unter anderem Frédéric Chopin und Oscar Wilde begraben liegen. Hatte ich schon gesagt, dass es mir die französischen Friedhöfe sehr angetan haben?

Nach einer Pause, in der es libanesische Auberginen, gefüllt mit einer Walnuss-Tomaten-Öl-Füllung, Joghurtsoße und Fladenbrot gab, wollte ich noch in den Parc des Buttes-Choumont, der mir von mehreren Leuten ans Herz gelegt wurde. Yassine meinte: Stell dir einen Stadtpark vor – genau so ist Buttes-Choumont nicht. Da hatte er recht: Es gab einen See, in dem eine Insel mit Berg lag. Von da oben konnte man über die ganze Stadt auf Sacre-Coeur schauen, die weiße Kirche, die ich am Samstag gesehen hatte. Aber damit nicht genug, es gab Höhlen, Wasserfälle, und sogar Tropfsteine. Der Park war voller Menschen. Ich traf Rentner, die spazieren gingen oder auf einer der Bänke sitzend dem Treiben zuschauten, Kinder, die an den kleinen Bächen Staudämme bauten oder Schiffchen-Rennen veranstalteten, Federballspielende Papas mit ihren Kindern, junge Familien, die die ersten warmen Tage für ein Picknick nutzten, und natürlich Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern.
Die Liegewiesen waren Treffpunkt für Jugendliche, die hier mit ’nem Bierchen, einer Flasche Rotwein oder auch ein bisschen was zu Rauchen die Sonne genossen. Ich weiß nicht, wie lange ich mich hier aufgehalten habe. Bei guter Jazz- und Blues-Musik, die aus einer Bluetooth-Box in der Nähe zu mir herüberschwappte, legte ich mich ins Gras und vergaß die Zeit.

Irgendwann wurde die Box mitsamt der Musik von einer Gruppe Jugendlicher mitgenommen, woraufhin ich langsam wieder in die Wirklichkeit zurückkam. Ich kann nicht sagen, wie spät es war, an solchen Tagen schaue ich selten bis garnicht auf die Uhr. Allerdings fing es schon an zu dämmern, und ich wollte nicht unbedingt im Dunkeln zurücklaufen müssen.

Es ist mir fast (aber nur fast) ein bisschen peinlich zu sagen, dass es gerade ein Park ist, der mir von Paris am besten in Erinnerung geblieben ist. Aber dieser letzte Nachmittag war einfach perfekt: glückliche Menschen, schöne Location, Frühlingsgefühle überall. Kein Stress, keine Hektik, einfach das Leben wie es sein sollte. Alles in allem also der perfekte Abschluss für meine Europareise.

 

Hm, das ist jetzt ein ziemlich platter Schluss für den Bericht über so grandiose Tage. Ich kann ja noch ein bisschen weitererzählen: Der Zug nach Straßburg am nächsten Tag war pünktlich. Weil ich aber schon früh am Bahnhof war, hatte ich ein bisschen Zeit auf dem Klavier zu spielen. Noch etwas, was Paris ungemein sympathisch macht: An jedem Bahnhof steht ein Klavier.

Straßburg ist eine hübsche Stadt mit schönen Häusern und heimeligen Geschäften.

Blablacar war das letzte übliche Transportmittel, das mir noch fehlte, aber mit der Fahrt nach Karlsruhe habe ich nun auch das erledigt.

Es war schön, meine Familie wiederzusehen und Ostern zu feiern.

Vom Wattenmeer erzähle ich das nächstemal. Nur so viel: Ich bin sehr glücklich.

Straßburg - auch sehenswert!

 

Frankreich: Pferde, Briten und einiges mehr

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Abend bei Andrea und Martin. Es gab Ofengemüse mit Haloumni und Reis, und Andrea hat mich gefragt, wie viel Erfahrung ich schon mit Pferden habe. Meine Antwort war: Bis jetzt noch gar keine. In diesem Moment habe ich mich das erste Mal gefragt, warum ich eigentlich diesen Platz ausgesucht hatte, wo sich alles um die Ponys dreht. Die gleiche Frage hat Andrea sich wohl auch gestellt: Ihren Gesichtsausdruck in diesem Augenblick würde ich als überrascht bis leicht entsetzt beschreiben.

In den ersten paar Tagen war ich tatsächlich nicht besonders glücklich: Ich fühlte mich reisemüde, und hatte nicht wirklich die Energie, die ich sonst gespürt hatte wenn ich an einem neuen Platz angekommen war. Ich wusste, dass ich hier nur drei Wochen bleibe, bevor es weiter geht, weshalb ich mir vielleicht auch nicht die nötige Mühe gemacht habe, mich richtig einzuleben.

Es ist unglaublich anstrengend, immer wieder auf’s Neue ein Gast in einem Haushalt zu sein. Mit dem Alltag vertraut zu werden, und zu lernen wie alles organisiert ist: Wie gründlich Dinge erledigt werden, wie sauber man das Haus hält, wer welche Aufgaben hat, wo man sich aufhalten kann und welche Räume eher privat sind. Bei Lene und Lene auf Bornholm war ich überall willkommen, wenn ich Staub gesaugt habe, habe ich auch um deren Schlafzimmer keinen Bogen gemacht. Einmal haben die beiden mir von einem schwedischen Workawayer erzählt, der einen Monat auf der Ziegenfarm verbracht hat, und ständig alleine auf seinem Zimmer war. Für sie war es seltsam und etwas unhöflich, dass er nicht am „Familienleben“ teilgenommen hat. In England hingegen hat Anna mich an einem Abend gefragt, ob ich es nicht komisch fände, hier mit ihnen in ihrem Wohnzimmer zu sitzen, wo ich doch auf meinem Zimmer einen eigenen Fernseher habe. Für sie würde es besser passen, wenn das Wohnzimmer „ihr“ Zimmer bliebe. Das ist natürlich völlig okay, ich will mich ja nicht in deren Privatleben drängen. Nur ist es manchmal schwer, herauszufinden, was in der gegebenen Situation jetzt das richtige Verhalten ist.

Dieses Problem habe ich in Frankreich besonders gespürt, zum Teil weil meine eigene Laune nicht sehr gut war. Ich denke, dass jeder weiß, wie schwierig es ist, mit anderen Menschen zu interagieren, nachzufragen und Interesse zu zeigen, wenn man eigentlich nur Zeit mit sich selbst will. Allerdings war auch Martin nicht besonders hilfreich: Für ihn gab es immer nur einen Weg, eine Sache richtig und gut zu machen, und das war sein eigener. Alle anderen Ansätze waren in seinen Augen von Grund auf falsch. Man muss dazusagen, dass Martin ein hochbegabter Mathematiker ist, und als Professor an den besten Universitäten Englands gearbeitet hat.

Wenn ich Zeit mit Andrea verbracht habe, hat das hingegen meine Stimmung immer wieder angehoben. Allein ihre Art, mit den Tieren umzugehen, hat mich fröhlich gemacht. Nach der Zeit auf Santa Maria in Italien tut es gut, wenn man in seinem Glauben, dass sich die meisten Menschen, die Tiere halten, auch um sie sorgen, bestärkt wird.

Andrea hat es sich zur Aufgabe gemacht, für eine Charity zu arbeiten, und ihre gesamte Energie darauf zu verwenden, Pferden mit der Hufkrankheit Laminitis zu helfen (Ich spare mir die medizinischen Details, wenn’s recht ist). Die eigentliche Arbeit wird am Computer erledigt, wo Fotos und Röntgenbilder analysiert und den Haltern Ratschläge gegeben werden, was zu tun ist. Dabei helfe ich natürlich nicht, wie gesagt hatte ich bis vor Kurzem keinerlei Erfahrung mit Pferden (geschweige denn mit kranken Hufen). Meine Aufgaben liegen eher draußen im praktischen Bereich, mit den „echten“ Tieren. Morgens nach dem Frühstück um 9:00 miste ich die der Ställe aus. Drei Pferde machen schon ordentlich Dreck! Dann geht es mit den beiden Hunden Ari und Gus spazieren. Meistens fahren wir alle zusammen an den See oder in den Wald. Weil Ari schon alt und langsam ist, und Gus jung und agil, bietet es sich an, dass zwei von uns mit Gus eine große Runde laufen, während der andere mit Ari in der gleichen Zeit einmal den Weg hoch und runter geht. Als ich gehört habe, dass es einen See ganz in der Nähe gibt, habe ich mich gefreut: Ich vermisse die finnische Landschaft schon ein bisschen. Allerdings ist es im ersten Augenblick sehr enttäuschend, wenn man einen finnischen See erwartet, und dann einen typischen Touristen-See mit aufgeschüttetem Strand, Restaurants und Bootverleih findet. Ist natürlich trotzdem kein schlechter Ort für einen Spaziergang. 🙂

Meine anderen Aufgaben verteile ich so über den Tag, feste Arbeitszeiten habe ich nicht. Die Pferde müssen im Moment relativ häufig gebürstet werden, da sie ihr Winterfell verlieren. Außerdem kann ich immer wenn ich Lust habe mit Fan spazieren gehen, einem 25 Jahre alten spanischen weißen Pferd. Manchmal ist es eine echte Herausforderung, ihn zu bewegen. Teilweise liegt das an seinem Alter und seiner Arthritis, allerdings habe ich mir von Andrea sagen lassen, dass der gute Junge zudem ein bisschen faul ist. Auch mit Dolly, einem kleinen Pony, verbringe ich viel Zeit. Ihr vorheriger Halter hat sich kein Stück um die Hufpflege gekümmert, sodass ihre Hufen viel zu lang gewachsen sind. Die dadurch ausgelöste Fehlhaltung hat Schäden an Hüften, dem Rücken und vielem mehr verursacht. Durch Massagen und regelmäßiges Pflegen der Hufe konnte Andrea in der letzten Zeit jedoch schon gute Erfolge erzielen. Also: Ich weiß jetzt, wie man Pferde massiert. 🙂

Einmal haben wir Erdproben von den Feldern genommen, um den pH-Wert testen zu lassen und sicherzustellen, dass für das Heu die richtigen Bedingungen herrschen. Abends müssen immer die Katzen und Igel gefüttert werden: Wir haben zwei Igel-Boxen, die täglich mit getrockneten Würmern und gehackten Haselnüssen aufgefüllt werden. Nachts kommen die putzigen Tierchen und bedienen sich am gedeckten Tisch. Dank einer Kamera kann man denen am nächsten Tag sogar dabei zugucken 🙂

Auch Ausflüge sind in den letzten Wochen nicht zu kurz gekommen. Andrea hat mir viele schöne Orte in der Umgebung gezeigt. Besonders beeindruckend war das Dorf Oradour, das im Jahr 1944 von deutschen Soldaten niedergebrannt wurde, nachdem sie nahezu alle Einwohner ermordet hatten. Die Ruinen wurden nicht wieder aufgebaut oder abgerissen, und das komplette Dorf ist mehr oder weniger so zu besichtigen, wie es vor knapp 70 Jahren hinterlassen wurde.

Das Essen hier ist übrigens sehr gut: Martin und Andrea sind beide Vegetarier. Mittags gibt es normalerweise Suppe mit Brot oder überbackenen Toast, und Abends kocht Martin nochmal richtig. Wie schon an einigen anderen Plätzen wurde ich nach einer Weile zur Nachtisch-Beauftragten, und habe dafür gesorgt, dass immer Kuchen oder sonstiges Süßes im Haus war. Was etwas verwirrend war, war, dass Nachtisch im Englischen „Pudding“ heißt. Für mich passt es einfach nicht, wenn jemand sagt: „Time for pudding!“ und mit Vanilleeis um die Ecke kommt. Als ich das erzählt habe, kam natürlich die Frage, was Pudding in Deutschland ist. Von da an war das mysteriöse „Pudding-powder“ Gesprächsthema Nummer eins. Weil das Workaway-Konzept hauptsächlich auf Austausch der Kulturen basiert, und die beiden schon mehrere deutsche Helfer hatten, sah ich es als meine Pflicht, sie in die Geheimnisse des deutschen Puddings einzuweihen. Dank meiner allzeit hilfsbereiten Familie (die unverzüglich ein paar Tüten Pulver ‚rübergeschickt hat), konnte das Pudding-Mysterium bald gelöst werden. Mein Schokopudding mit Sahne kam bei allen sehr gut an.

Was ich hier etwas vermisse, ist das Französische. Ich bin zwar in Frankreich, allerdings sind Andrea und Martin erst vor einigen Jahren hergekommen, da das Land, das man für einen Pferdehof braucht, in England unbezahlbar wäre. Weil in dieser Region Frankreichs recht viele Briten leben, und die kulturellen Unterschiede doch größer sind als erwartet, hat die Integration nicht ganz geklappt. Auf französisches Lebensgefühl musste ich bis jetzt also verzichten, allerdings muss ich auch sagen, dass meine englischen Sprachfähigkeiten von der Zeit hier, und vor allem von der mit Martin, sehr provitieren. Wenn es um neue Wörter geht, oder sonst um Sachen, die er erklären kann, ist er super hilfsbereit, und es ist auch nicht langweilig, ihm ein Weile zuzuhören.

Es war also alles in allem eine schöne Zeit hier. Der Höhepunkt fand aber eindeutig am letzten Tag statt, an dem ich tatsächlich auf Dan reiten durfte! Eigentlich hatten wir das schon eher vor, aber es musste alles passen: Das Wetter, die Zeit, und vor Allem Dans Laune. Dan ist ein großes braunes Pferd aus der Nähe von Hannover, dessen Cousin und andere Verwandte bei Olympia geritten wurde. Er ist nicht ganz so gemütlich wie Fan, und manchmal etwas störrisch, aber Andrea meinte: Wenn Du dich traust und selbstbewusst ran gehst – ich sehe da keine Probleme. Das weiß ich sehr zu schätzen – es ist nicht selbstverständlich, dass man einen totalen Anfänger auf sein Pferd lässt, das keins von den Schulponys ist, mit denen man machen kann was man will. Ob ich Angst hatte? Angst nicht, nur den nötigen Respekt. Es war echt ein tolles Gefühl, und ich hoffe, dass ich in Zukunft Möglichkeiten finde, mehr zu reiten und auch wirklich zu lernen, wie man’s richtig macht.

Danke also für die tolle Zeit, die Eindrücke und Inspirationen! Dies war wahrscheinlich der Ort, an dem ich am meisten Wissen gesammelt habe.

 

 

Und wie geht es weiter?

Momentan sitze ich im Zug nach Paris, dem letzten Halt meiner Skandinavien-Reise, die mit der Zeit zu einer Europa-Reise gewachsen ist. Hier verbringe ich vier Tage, bevor es ins wunderschöne Karlsruhe geht. Ich freue mich darauf, dort meine beiden lieben Schwestern zu treffen 🙂 Zu Ostern sammelt uns der Mama-Express ein, um uns alle wieder sicher nach Hause zu bringen..

Viel Zeit zum Entspannen bleibt aber nicht – Am 03.04. mache ich mich erneut auf den Weg, dieses Mal an die deutsche Nordseeküste nach Dangast. Hier verbringe ich die Zeit bis Ende Juni im Nationalpark Wattenmeer, leite Wattwanderungen und bringe die Ausstellung auf Vordermann. Ich freue mich schon auf ein bisschen Routine, und mehr als alles andere auf die Wohnung, in der ich mit der anderen Praktikantin leben werde. Endlich ein eigenes zu Hause, wenn auch nur für drei Monate. Kein Gast sein, Dinge machen wie man selbst sie für richtig hält, entscheiden was man kochen und essen will, und sich richtig einrichten. Ich bin mir sicher, dass das eine wunderbare Zeit wird!

Neben Wattwürmern muss ich mich dann auch wohl mit meiner Bewerbung an der TU Berlin und Wohnungssuche beschäftigen – ich plane, ab Oktober Ökologie und Umweltplanung in unserer Hauptstadt zu studieren.

PS.: Ich entschuldige mich für den Bildermangel in diesem Beitrag und hoffe, dass Andrea mir bald ihre Bilder von meiner Zeit bei den Ponys zuschickt.

Avignon, und der Weg dahin

Eigentlich wollte ich ja ein paar Tage in Venedig verbringen und sehen, wo Prosper und Bo mit dem Herrn der Diebe ihre Zeit verbracht haben. Allerdings hatte ich keine Lust noch mal zu fliegen: ich bin eher ein langsamer Reisender, der sich lieber etwas mehr Zeit für alles nimmt. Und wenn man über Klimaschutz und CO2-Ausstoß nachdenkt, stellt sich die Frage, ob man das Flugzeug oder den Zug nimmt, sowieso nicht. Also war ich auf die italienischen und französischen Zugverbindungen angewiesen, mit denen es sich als so gut wie unmöglich darstellte mehr Zeit in Venedig zu verbringen als es braucht, sich von 20 Stunden auf den Gleisen zu erholen. Deshalb habe ich mich bei einem französischen Freund nach hübschen Städten im Süden Frankreichs erkundigt, die sowieso auf meinem Weg lagen – Avignon war für ihn die erste Wahl, und seine Beschreibung sowie Google-Bilder haben auch mich überzeugt.

So ein Städteaufenthalt zu organisieren ist ja beinahe schon Routine: Couchsurfing-Anfragen senden, das Beste hoffen, Verbindungen raussuchen, sich zwischen Bus, Bahn, Mitfahrgelegenheit entscheiden, Ticket buchen und sich freuen, wenn alles erledigt ist.

Als ich morgens um halb sieben mein Hostel in Rom verließ war ich die Ruhe selbst – ich hatte eine Verbindung mit zwei Zwischenstopps und jeweils mehr als einer Stunde Zeit zum Umsteigen. Deshalb hat es mich auch nicht sonderlich beunruhigt, dass mein erster Zug mit ca 30 Minuten Verspätung abgefahren ist. Ich konnte ja nicht ahnen, dass wir diese halbe Stunde nicht wieder rausholen, sondern im Laufe der Fahrt nach Genua verdreifachen würden. Als ich die Schaffnerin fragte, ob ich meinen Anschlusszug um 12:57 wohl noch kriege, bekam ich die Antwort: Den nach Nizza? Nee, vergiss es. Wenn wir in Genua ankommen, gehst Du am besten zum Infoschalter und schaust nach einer neuen Verbindung. Gut, dachte ich mir, lässt sich nix machen. Ich war selbst überrascht von mir, dass ich so wenig beeindruckt war. Schließlich war auch Nizza nur ein Zwischenstopp, von wo aus ich den Zug nach Avignon nehmen musste.

In Genua wurde ich positiv überrascht: Auf der Anzeigetafel, auf die ich eigentlich nur durch Zufall geschaut habe, sah ich, dass mein Zug nach Nizza ebenfalls verspätet war! Abfahrt in 6 Minuten. Eeeaaasy. Das Gleis war schnell gefunden, mein Sitzplatz auch, das einzige, was mir fehlte war die Zeit, Essen zu kaufen. Eigentlich hatte ich für die gut 60 Minuten in Genua mein Frühstück geplant…

Weniger entspannt lief es in Nizza, wo ich mein Ticket noch ausdrucken musste. An sich war es mit 15 Minuten Umsteigezeit noch nicht brenzlig, allerdings hatte sich diese Viertel Stunde schon auf 5 Minuten verkürzt, als ich verstanden hatte, dass man nicht am Automaten drucken kann, sondern eine Wartenummer in diesem überfüllten Infocenter ziehen muss. Da war nichtmal ich mehr entspannt, und das hat man mir anscheinend auch angesehen. Zumindest hat der nette Herr, dem ich meine Nummer gezeigt habe (526 oder so, angezeigt wurde 481) sehr verständnisvoll reagiert als ich gesagt habe dass mein Zug gleich ohne mich wegfährt. Nach einem kurzen Sprint (naja, eigentlich gar nicht soo kurz) saß ich dann tatsächlich in meinem TGV nach Avignon!

Die ganze Zeit über habe ich übrigens auf eine Antwort von Soumaya, meiner Gastgeberin, gewartet. Ich hatte noch keine Adresse von ihr, nach der ich schon zwei Tage zuvor gefragt hatte. Das hatte sich auch noch nicht geändert, als ich in Avignons Center ankam (nach einem weiteren, nicht erwähnenswerten Umstieg am Hauptbahnhof). Es war 20:15, nach einem Tag mit über 13 Stunden im Zug, einem Apfel und einem Liter Wasser war ich etwas erschöpft. Und was seh ich da: Ein Klavier, ein Klavier! Das hat meinen Tag ungemein aufgewertet: Hab mich hingesetzt und ein bisschen Gershwin geklimpert, nachdem ich die Hoffnung auf eine Antwort von Soumaya aufgegeben und ein Hostel für die erste Nacht gebucht hatte. Irgendwann habe ich mich dann doch aufgerafft, mir den Weg dahin auf Google-maps anzuschauen, da kam die nächste positive Überraschung: Eine Nachricht von Soumaya! Nach tausend Entschuldigungen die Adresse. Perfekt, 5 Minuten Fußweg vom Bahnhof! Meine Buchung für das Hostel konnte ich nicht mehr rückgängig machen, aber was soll’s. Ein bisschen Verlust ist immer da. Nach einem wunderbaren Empfang in Soumayas Wohnung und einem großen Teller Nudeln mit Tomatensoße war ich fertig für’s Bett, voller Vorfreude auf die nächsten Tage.

Ich hatte zwei volle Tage, um die Stadt kennenzulernen Für den ersten Morgen hatte ich mir zwar einen Wecker gestellt, allerdings bin ich besser darin den Alarm im Halbschlaf auszustellen und weiterzuschlafen, als es manchmal gut ist. Als ich schließlich nach einem wunderbaren Frühstück mit marokkanischen Kichererbsenmehl-Crêpes (Soumaya kommt gebürtig nicht aus Frankreich) das Haus verließ, war es schon fast zwölf.

Avignon ist eine wunderschöne Stadt: Eine Stadtmauer führt rund um das Zentrum, der Papstpalast ist die Sehenswürdigkeit Nummer eins, und in den kleinen Gassen findet man unzählige kleine Theater, Butiken und Galerien. Im Sommer istdas alles wahrscheinlich umwerfend, wenn man sich einfach draußen auf die Straße setzen um dem Treiben zuschauen kann. Allerdings war es auch hier Ende Februar rattenkalt, und noch teilweise erschöpft vom Tag zuvor habe ich mich, nachdem ich alles was ich mir vorgenommen hatte gesehen hatte, entschieden, erst einmal zurückzugehen. Bei Soumaya hatten wir dann ein paar Brote mit Marmelade und eine wunderbare Unterhaltung. Mit manchen Menschen kann man wirklich vom ersten Tag an reden, als würde man sich seit Ewigkeiten kennen. Wir beschlossen, am Abend mit ein paar Freunden eine Veranstaltung über ecuadorianisches Essen zu besuchen. Hier habe ich Roberto getroffen, dessen Familie aus Deutschland kam. Es war ungewöhnlich ungewohnt, wieder Deutsch zu sprechen: Im ersten Moment fühlte sich das an wie eine Fremdsprache. Ich habe in Englisch gedacht, und mehr oder weniger wörtlich ins Deutsche übersetzt. Teilweise wahrscheinlich, weil Robertos Deutsch nicht akzentfrei war und wir uns nicht kannten. Bei Telefonaten mit den Leuten zu Hause hatte ich dieses Gefühl nie so extrem.

Wieder zu Hause wurde gekocht und gegessen, zusammen mit Soumayas Freundin Agnese. Wieder gab es alle möglichen Themen über die wir sprechen konnten. Eine Gruppe aus einer marokkanischen Französin, die mindestens 5 Sprachen fließend spricht und als selbstständige Übersetzerin arbeitet, einer Estin, die wegen besserer Arbeit mit ihrem Ehemann und ohne ein Wort Französisch nach Avignon gekommen ist, und einer 18-jährigen Deutschen, die durch Europa tourt und außer verspäteten Zügen keine Sorgen hat – da wird’s nicht so schnell langweilig.

Für den nächsten Tag, der mit Regen und noch entspannter (=später) begann als der erste, hatte Soumaya mich zu ihrem Freund eingeladen, der sein Geld als Gitarrenbauer und Lampendesigner verdient. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben gestalten, und wie viele Möglichkeiten wir haben.

Am Abend war es schon fast Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Denn dass wir uns wiedersehen, ist klar: Wenn ich das nächste mal nach Avignon komme, dann im Sommer, zu der Zeit in der das große Festival stattfindet und alle Straßen voll von Straßenkünstlern und Musikern sind. Und natürlich ist auch Soumaya bei mir immer herzlich willkommen.

Die Zugfahrt nach Chabanais am nächsten Tag war völlig unspektakulär und entspannend. Beim nächsten Mal erzähle ich dann von Dolly, Fandango und Dan, und dem englischen Frankreich, in dem ich hier lebe.